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Auf dem neuen Weg Kirche zu sein

Kleinen Christlichen Gemeinschaften

 

Bernd Keller

Wird bei Ihnen zurzeit auch eine Pfarreiengemeinschaft errichtet oder haben Sie es schon geschafft? Haben Sie einen "Namen" und/oder ein Logo? Wohnt ihr Pfarrer an ihrem Wohnort oder steht das Pfarrhaus leer? Haben Sie nach dem diözesanen Stellenplan einen Anspruch auf einen Diakon oder einen Mitarbeiter im pastoralen Dienst? ...

Viele Fragen werden von uns allen auf dem neuen Weg der Kirche in Bayern und Deutschland gestellt und bleiben unterschiedlich beantwortet! Die Un­gleichzeitigkeit in den Entwicklungen ist allzu menschlich und katholisch allemal - schließlich denken wir in Jahrhunderten um nicht zu sagen "mit der Ewigkeit".

So sind wir als "Kirche zwischen den Zeiten" berufen in der Zeit aus der Ewigkeit glaubend und hoffend zu leben. Doch wie kann uns das heute als engagierte Katholiken in diesen tiefgreifenden Wandlungsprozessen gelingen, so dass unsere Kirche weiterhin am Leben (dran) bleibt?

Im Folgenden will ich Ihnen erzählen, wie unsere Katholische Kirche auch "geht" - denn schließlich bedarf es einer mutigen, in Gott verwurzelten Gelassenheit die sich Ausdruck verleihen kann in der Haltung: "Wenn nichts mehr geht, dann gehen!"

Katholische Kirche geht weltweit sehr umfassend und allgemein den Weg mit den Menschen mit. Ein Weg sind die so genannten Kleinen Christlichen Ge­meinschaften (KCG). Sie sind ein Geschenk unserer Weltkirche. Als Jahrhunderte existierende globale Lerngemeinschaft - gewissermaßen als "Glo­bal Player" - hat sich insbesondere in den Kontinenten Afrika und Asien eine "Gestalt der Kirche" entfaltet, die uns anregen kann Ähnliches bei uns zu entdecken und zu fördern:

Die Diözesen und die Pfarreien existieren überall territorial flächendeckend. Wir gehen als katholische Kirche im Auftrag Jesu bis an die Grenzen der Erde! Es gibt aber in Asien und Afrika eine weitere Strukturebene: Die Pfarreien sind in Bezirke untergliedert, in denen sich jeweils KCG treffen (können). Die Christen treffen sich in ihren Häusern und teilen miteinander die Heilige Schrift. Oftmals wird das Bibel-Teilen praktiziert. Aus der gemeinschaftlichen Schriftlesung soll das, "was der Herr der Gemeinde sagen will" entdeckt werden und im 6. Schritt des Bibel-Teilens konkrete Schritte vereinbart werden. Der Pastoralrat beispielsweise in Indien setzt sich aus Delegierten der KCG zusammen. Der Pfarrer hat den moderierenden Vorsitz, ge­meinsam hören und überlegen sie, wie sie als Kirche dort, wo sie wohnen, die Sendung und Sammlung Jesu fortsetzen können. Die Koordination der Dienste ist ein weiterer Auftrag der Verantwortlichen.

 

Die Feier und Mitwirkung in der Messfeier am Sonntag ist ein Kristallisationspunkt der KCG, Wort und Sakrament werden im persönlichen Glaubensleben tiefer verwurzelt, was frei macht für den Auftrag "den Armen die frohe Botschaft zu bringen".

Pastorale Mitarbeiter in Deutschland, die von diesem neuen Weg Kirche zu sein begeistert sind, treffen sich seit einigen Jahren, um zu suchen und zu finden, was von dem dort Erfahrenen hier bei uns in Deutschland fruchtbar sein kann. So hat sich 2004 bei einer Jahreskonferenz ein Nationalteam gebildet, das seither mit anderen Gruppen aus verschiedenen Diözesen daran arbeitet, Wege und Formen zu finden, wie KCG in Deutschland umgesetzt werden können. Schließlich sind KCG eine konkrete Verwirklichungsform der Vision der Communio-Ekklesiologie, dem Verständnis von Kirche als Gemeinschaft, wie sie im II. Vatikanischen Konzil beschrieben wurde.

Im Jahr 2000 luden meine Frau und ich zu einem gemeinsamen Bibelkreis ein, zu dem im Laufe der Zeit 14 Personen gehörten. Nach verschiedenen Glaubensseminaren (Neu anfangen, Bibelteilen, Alphakurs, etc.) entstanden durch Teilung und Neugründung weitere Hauskreise, wie wir sie hier nennen. Natürlich war mein hauptberuflicher Dienst als Gemeindereferent eine Art Katalysator für die För­derung der kleinen Gemeinschaften.

 

Die Bemühungen einiger Christen haben eine Weiterentwicklung gefördert. Nachdem in unserer Stadt heute 15 Kreise existieren, haben wir als Pastoralteam und Pfarrgemeinderat die Chancen der kleinen Gemeinschaften erkannt, nicht zuletzt auch, weil einige Katholiken jahrelange Erfahrungen gemacht haben. Besonders die Tatsache, dass der ortsansässige Pfarrer auch von KCG überzeugt ist, hat sich förderlich ausgewirkt. Nun stehen wir mitten in einem Gemeindeberatungsprozess kurz vor der Entscheidung, dass KCG als Strukturprinzip eine Option für die Pfarrei Herz Jesu sein soll.

Ich bin in dieser missionarischen Suchbewegung dankbar, dass ich an dem Kongress "Gemeinde im Aufbruch" in Neuendettelsau teilnehmen konnte. Das Amt für Gemeindedienst der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern veranstaltete diesen Kongress, bei dem unter anderem auch Paul M. Zulehner teilnahm. Nicht zuletzt in dem Workshop "Aufbruch in ökumenische Gemeinschaft" und während der drei Tage durfte ich erfahren, wie nahe wir uns in der "Weitervereinigung" (vergleiche das aktuelle Buch über die ökumenischen Erfahrungen von Bischof em. Paul Werner Scheele) sind, wenn wir Gemeinschaft im Wort pflegen.

 

Ich wünsche Ihnen von Herzen Mut zum Aufbruch, so dass Sie nicht "das Weite suchen" sondern in die Weite gehen - vielleicht auch in Kleinen Christlichen Gemeinschaften, die Anregung für die Gemeindepraxis sein können.

 

Kleine Christliche Gemeinschaften als Strukturprinzip

  

Man sollte für die weitere Suchbewegung in Bayern Hauskreise und Kleine Christliche Gemeinschaft unterscheiden, sie sind jeweils in ihrer Art und Geschichte verschieden. In Bayern gibt es unter dem Dach der lutherischen Kirche ungefähr 2000 Hauskreise (diese sind auch ökumenisch offen). Hauskreise entstehen oft auf Grund von persönlichen Beziehungen und/oder gemeinsamen Glaubenserfahrungen bzw. missionarischen Bewegungen (so haben sich auch die meisten Kreise in Bad Kissingen entwickelt).

In Haus-, Bibel- und Gebetskreisen wie auch in KCG ist sowohl die Heilige Schrift "Garant für den anwesenden Christus" (vgl. Liturgiekonstitution 7, II. Vatikanisches Konzil), als auch die Zusage Jesu, "wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch" (Mt 18, 20).

KCG hingegen sind weltkirchlich verstanden ein territorial-parochiales Strukturprinzip von Kirche am Ort, und in vielen Ländern Asiens durch die Bischofskonferenzen anerkannt. KCG sind bezogen auf Wohn- und Lebensräume. Die Pfarrei ist nicht "begrenzt" und "fixiert" auf das Pfarrhaus und Pfarrzentrum, sondern geht an die "Grenzen ihrer Grenzen" (vergleiche "Hecken und Zäune" in Lk 14, 23) und lädt vor Ort die Menschen in kleinen Gemeinden zur Gemeinschaft im Wort ein.

 

Vier Merkmale der KCG

 

  1. Eine Kleine Christliche Gemeinschaft lebt aus dem Wort Gottes.

  2. Eine Kleine Christliche Gemeinschaft ist offen für alle Menschen in der jeweiligen konkreten Nachbarschaft.

  3. Eine Kleine Christliche Gemeinschaft wirkt mit einer konkreten Sendung in ihr Umfeld hinein.

  4. Eine Kleine Christliche Gemeinschaft ist mit der Kirche als Ganzes verbunden.

 


Der Autor Bernd Keller ist Gemeindereferent, Mitglied im Nationalteam KCG & der AG KCG der Diözese Würzburg.

Dieser Beitrag ist erschienen in Gemeinde creativ 3/2008:
www.gemeinde-creativ.de,
und im Newsletter "Kirche bewegen", Ausgabe: VI/2008.

Mehr Informationen unter: www.kcg-net.eu.