City- und Stadtkirchenarbeit

Ein neues „Lernfeld“ für die Kirche

 

von Pfr. Andreas Isenburg

 

„Suchet der Stadt Bestes…“

 

Klar und eindeutig ergeht ist der Auftrag, den Gott seinem im Exil lebenden Volk erteilt: „Suchet der Stadt Bestes!“

  

Nicht zum Rückzug auf sich selbst, zur Abwendung vom Fremden und Unreinen ist Israel jetzt aufgerufen. Im Gegenteil: Es soll sich dem Neuen zuwenden, sich einlassen auf die unbekannte Kultur (Jer 29, 5f.) und wohltätig wie segnend für die fremde Stadt und ihre Bewohner tätig werden: „Suchet der fremden Stadt Bestes“.

 

Stadtkirchenarbeit und Citykirchenarbeit

Ob und in welcher Weise Israel dieser Aufforderung nachgekommen ist, ist heute nur noch schwer zu ermitteln, geblieben ist jedoch bis heute der Auftrag, sich auch als Kirche nicht zurückzuziehen auf sich selbst, sondern inmitten der Stadt präsent zu sein und für sie und mit ihr nach dem zu suchen, was aus Gottes Sicht das Beste für sie ist.
  
Auf besondere, neue und ungewohnte Weise haben sich seit Mitte der 80er Jahre die großen Innenstadt-Kirchen dieser Aufgabe angenommen und sie umgesetzt; zunächst in den englischen und holländischen Großstädten wie London und Amsterdam, danach immer stärker auch in der Schweiz und in Deutschland.
  

Dabei ist es heute eine andere Art von „Fremde“, der sich gerade diese überwiegend zentral gelegenen Kirchen gegenübersehen. Städtische Baupolitik, die verstärkt auf „Konsum- und Musentempel“ wie auf Banken und politische Repräsentationsbauten setzt, lässt die Innenstadtbevölkerung und infolgedessen auch Gemeindegliederzahlen zurückgehen.

Eine neue Vielfalt von Kulturen ist in den Städten entstanden, Moscheen und Kopftuch gehören zum Straßenbild, hier und da stößt man, wie am Datteln-Hamm-Kanal im Ruhrgebiet, auf einen hinduistischen Tempel. Hinzu kommen die Folgen der Säkularisierung, wie sie sich z.B. in der Entstehung neuer Formen der Religiosität und in der Lösung von christlichen Traditionen zeigen. 

Selbst in einer katholischen Metropole wie München beträgt die Zahl der katholischen Einwohner nur noch 41%, die der evangelischen 15%, 44% der Einwohner sind konfessionslos: „Suchet der fremden Stadt Bestes!“
 
Inmitten der fremd gewordenen Stadt tritt die Kirche als notwendiger Fremdkörper ein für die Unverfügbarkeit des Menschen jenseits von Konsum und Geld. Verweist auch mit ihren Türmen, den „Zeigefingern Gottes“ (W. Grünberg), ganz sichtbar darauf, dass der Mensch gerade dadurch Mensch ist, dass er nicht sich selbst gehört, sondern zu Gott, der alle Menschen zu Brüdern und Schwestern macht.
 
Der erste notwendige Schritt jeder Stadtkirchenarbeit ist jedoch zunächst: die Öffnung der Türen – kein Rückzug, sondern die Einladung an alle, einzutreten in ihre Kirche: Einwohner, Passanten, Touristen und Flaneure, Junge und Alte, Männer und Frauen. Für eine kleine Weile sind sie eingeladen, kurz zu Verweilen, eingeladen zu Stille und Gebet oder zum seelsorglichen Gespräch. Inmitten hektischer Betriebsamkeit zwischen Arbeit, Einkauf, Freizeit, bieten Stadtkirchen die „Chance der kurzen Begegnung“ und kommen damit zugleich dem „Lebensgefühl der Flüchtigkeit“ der Menschen entgegen.
 
Eine neue Form von Gemeinde entsteht hier, die sich komplementär zum traditionellen Leitbild der unter dem Wort Gottes versammelten „Präsenz“-Gemeinde verhält. Gerade in der Stadt entwickelt sich zunehmend ein „Selbstverständnis von Kirchenzugehörigkeit …, dass sich an Personen orientiert, an Räumen, in denen man gute Erfahrungen gemacht hat oder an Programmen, an kulturellen Einrichtungen, sozialen Engagements, an Projekten und Aktionen“ (Manfred Kock).

  

Die Einladung, einzutreten, gilt jedoch nicht nur dem Einzelnen, sondern der ganzen Stadt. Auch der offene Diskurs, die Diskussion um das „Beste“ für die Stadt gehört in die Stadtkirche hinein. Der Streit um das rechte Tun und Handeln in und für die Stadt hat hier ihren Ort. Dort, wo sich „die Suche nach dem Ziel erledigt hat“ (F. Illies), suchen Stadtkirchen den Dialog mit den anderen Gestaltungskräften und Mächten der Stadt, der Politik, der Ökonomie wie der Kunst, dem Theater und Film und nicht zuletzt den anderen Religionen der Stadt. So entsteht zugleich eine bis in die Stadt hineinreichende „Plattform für den Dialog unter-schiedlicher Versuche zur Sinngebung des Lebens“ (W. Grünberg).

  

Stadtkirchenarbeit ist damit insgesamt immer auch „Einübung in Stadtkultur, in ein Verhalten anderen Menschen gegenüber, das ich mir selbst vom anderen wünsche. Das ist das Grundelement der öffentlichen Tugend, die in der Goldenen Regel auch in der Bibel verankert ist“ (H.-W. Dannowski). 

Bei aller Gemeinsamkeit bleibt aber dennoch festzuhalten: So vielfältig wie die Stadt, so vielfältig auch die City- und Stadtkirchenarbeit. Es gibt kein für alle Stadtkirchen passendes Konzept, zu verschieden ist die jeweilige Geschichte der Stadt wie der Kirche, zu verschieden der soziale Kontext, die Probleme und Fragen, die in jeder Stadt anstehen. Jede Stadtkirche ist darum aufgefordert, in ihrer Weise das für ihre Stadt Beste zu suchen und in ihren Angeboten umzusetzen.

In zunehmendem Maße erreichen Stadtkirchen mit diesen Angeboten gerade diejenigen, denen ein „normales“ Gemeindeleben in einer Ortsgemeinde fremd geworden ist, und erfüllen damit ihren missionarischen Auftrag auf eine ganz neue, spezifische Art und Weise. Damit sind sie zugleich auch ein „Experimentierfeld für neue offene Gemeinde- und Gottesdienst-Formen“ wie „Lernfeld für die ganze Kirche“ (H.W. Dannowski) und bilden so nicht zuletzt auch einen notwendigen, wenn nicht unverzichtbaren Bestandteil einer „Kirche mit Zukunft“, indem sie auf ihre Weise versuchen, „auf Augenhöhe“ mit den Menschen Kontakt zu treten.

Zusammengeschlossen sind die ev. Stadt- und Citykirchen in der Konferenz der Citykirchenarbeit in der EKD. Die Konferenz tagt im zweijährlichen Rhythmus an wechselnden Orten, in den vergangenen Jahren u.a. in München, Dresden, Lübeck und Berlin. Die diesjährige Konferenz findet vom 19. bis 22. Oktober in Basel statt. Die Mitglieder der Konferenz sind Stadt- und Citykirchen aus mittleren Städten wie Heilbronn, Bochum, Hannover und Großstädten wie Frankfurt a.M., München, Köln, Düsseldorf wie dem Ruhrgebiet. Geleitet wird die Konferenz der Citykirchen von einem fünfköpfigen Sprecherteam, das die Geschäfte der Konferenz leitet.

 

 
 

Weitere Informationen zur City- und Stadtkirchenarbeit finden Sie unter www.citykirchen.de.

  

Pfr. Andreas Isenburg - Amt für missionarische Dienste
Stadtkirchenarbeit in der Ev. Kirche von Westfalen
Olpe 35 - 44135 Dortmund - Mail: isenburg(a)amd-westfalen.de
www.amd-westfalen.de