von Pfr. Herbert Großarth
1. Kurzportrait der Ev. APOstelkirchengemeinde in Oberhausen
Ich wurde 1976 als Pfarrer in die einzige Pfarrstelle der Ev. APOstelkirchengemeinde gewählt und blieb bis 1990, wechselte dann als Jugendpfarrer ins Essener Weigle-Haus und kehrte Ende 1995 auf Wunsch des Presbyteriums zurück. Seitdem bin ich wiederum in der Apostelkirchengemeinde.
An Personal haben wir außerdem: einen vollzeitigen Küster, einen taubstummen Hilfsküster zu 50%, eine Sozialarbeiterin sowie eine Gemeindeschwester mit 25 Wochenstunden für die Offene Altenarbeit und den Besuchsdienst bei Alten und Kranken. Ansonsten wird die Arbeit nur von Ehrenamtlichen getan, die ein großer schatz unserer Gemeinde sind.
Die APOstelkirchengemeinde – APO, wie wir sie nennen – ist eine ehemalige Bergarbeitergemeinde und liegt im Norden von Oberhausen – als kleine Enklave zwischen zwei Großgemeinden: Sterkrade und Osterfeld. Mit nunmehr nur noch 2066 Gemeindegliedern ist sie die kleinste Gemeinde im Kirchenkreis Oberhausen, und die Frage steht im Raum, ob sie in Zukunft noch selbständig bleiben kann oder mit einer der Nachbargemeinden fusionieren muss.
Zu Beginn meiner Tätigkeit zählte die „APO“ ca. 5.000 Gemeindeglieder. Im Zuge des Zechensterbens im Ruhrgebiet veränderte sich das Bild der Gemeinde zusehends: Deutsche, die auf dem Gebiet der Gemeinde wohnten und kein Eigenheim besaßen, zogen weg; ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger (besonders Menschen türkischer Abstammung und aus dem ehemaligen Jugoslawien) zogen her.
Heute ist es so, dass mehr als die Hälfte der Bewohner dieses Stadtteiles Menschen mit Migrationshintergrund sind. Der Tackenberg ist der Stadtteil mit dem höchsten Ausländeranteil in Oberhausen
Nur 100 Meter von unserer Kirche entfernt ist eine Moschee gebaut und vor 1 ½ eingeweiht worden, zu der wir einen guten Kontakt pflegen, der sich in gegenseitigen Besuchen an bestimmten Festtagen und in der Durchführung gemeinsamer Kinder- und Straßenfeste äußert. Von beiden Seiten wird in Zukunft ein tieferer religiöser Dialog angestrebt.
Außerdem liegt auf dem Gebiet unserer Gemeinde ein Asylbewerberheim.
2. Was uns ausmacht
2.1 Trotz Mitgliederschwund expandierende Gemeinde
Trotz des erheblichen Mitgliederschwunds erleben wir seit vielen Jahren ein starkes Gemeindewachstum, sowohl was die regelmäßigen Aktivitäten und die besonderen Events der APO als auch was die Zahl derer betrifft, die sich zur APO halten. Wir sind inzwischen beides: Eine Wohn- und zugleich eine Wahlgemeinde. Das heißt: Viele Menschen kommen her, die in unserer Gemeinde gar nicht wohnen, die sich aber durch die missionarisch-diakonische Arbeit der APO mit ihren spezifischen Aktivitäten hierher einladen lassen.
Von außerhalb kommen zum größten Teil Menschen, die vorher keinen oder nur lockeren Kontakt zu irgendeiner Gemeinde hatten bzw. sogar aus der Kirche (evangelisch oder katholisch) ausgetreten waren, also „Kirchendistanzierte“. Bisher Außenstehende fühlen sich durch die Atmosphäre der Gastfreundschaft, die das Klima unserer Gemeinde bestimmt, angezogen und erfahren hier durch unsere Angebote Glaubens- und Lebenshilfe.
Wer so neuen Zugang zur Dimension des Glaubens und zum Anliegen der Kirche gefunden hat, sucht dann – verständlicherweise – Anschluss an die APO - egal, wo er wohnt (was sich dann übrigens auch im Gottesdienstbesuch, in der Anträgen auf Gemeindezugehörigkeit in besonderen Fällen und natürlich auch im Kollekten- und Spendenaufkommen niederschlägt).
2.2 Pleite, und trotzdem finanziell gesichert
Als kleinste Gemeinde im KK bekommen wir auch den geringsten Anteil am Kirchensteueraufkommen.
Für 2007 sind das 123.202,-- netto. Damit könnten wir weder die Gehälter noch die Kosten der laufenden Arbeit bezahlen. Wir haben in den letzten Jahren kontinuierlich weitere erhebliche und kontinuierliche finanzielle Ressourcen aufschließen müssen, die allein es ermöglichen, dass wir lebens- und zukunftsfähig sind und die Chance haben, nicht mit anderen Gemeinden „zwangsfusioniert“ zu werden.
Der Förderverein, der vor 25 Jahren gegründet worden ist, unterstützt die Gemeinde 2007 mit 99.500,-- Euro.
Darin enthalten sind die Kosten für die Stelle der Gemeindeschwester sowie die Hälfte der Stelle der Sozialarbeiterin.
Außerdem bestreiten wir bestimmte Projekte und Aktivitäten, die im Haushalt erscheinen, allein durch Kollekten und Spenden – also ohne Einsatz von Kirchensteuermitteln.
Auch hier einige Zahlen:
2006 gingen an Kollekten für gemeindliche Aktivitäten knapp 31.000 Euro ein und an Spenden noch einmal 42.300 Euro.
Der Basar brachte ca. 9.000 Euro für die Gemeindearbeit.
Mit 15.000 Euro im Jahr unterstützen wir zudem ein Waisenhaus für aidsinfizierte Kinder in Thailand, zu dem wir seit Jahren eine Partnerschaft unterhalten.
Wir bringen inzwischen durch Förderverein, Spenden, Kollekten und Basar weitaus mehr Geld ein (nämlich über 170.000 Euro) als wir an Kirchensteuer-Netto-Einnahmen durch die Umlage erhalten (nämlich ca. 123.202 Euro).
Unsere aktuelle mittelfristige Finanzplanung sieht so aus, dass wir mindestens auch in den nächsten 4-5 Jahren jährlich einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen können – selbst dann, wenn der Förderverein ab jetzt keine Beiträge und keine Spenden mehr bekommen würde, wovon allerdings auch in den nächsten Jahren nicht auszugehen ist.
Uns war seit Jahren bewusst, dass die Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen einen ausgeglichenen Haushalt bei unseren Aktivitäten und bei unserem Personal nicht mehr gewährleisten würde. Deswegen haben wir verstärkt diese anderen finanziellen Ressourcen aufgetan. Und es ist uns gelungen.
Wir erklären uns diesen Erfolg so:
Diejenigen, die hier freiwillig ihr Geld in Kollekten oder als Spende oder als Beitrag zum Förderverein geben, identifizieren sich im hohen Maße mit dem Profil der APO, zu dem sie selbst beitragen und das sie erhalten wollen bzw. das sie über bestimmte Angebote der APO erlebt haben.
Ohne diese finanziellen Ressourcen könnte die APO ihre Arbeit nicht tun. Aber mit diesen Ressourcen ist die APO zukunfts- und lebensfähig.
2.3 Herausforderung durch das soziale Umfeld
Ein weiterer, wesentlicher Punkt ist das soziale Umfeld der APO: der überdurchschnittlich hoher Ausländeranteil, viele sozial schwache Familien, ein Asylbewerberheim und die unmittelbare Nähe zu Mevlana-Moschee. Hier sehen wir eine große diakonische Herausforderung und hier investieren wir viel Geld, Zeit und Arbeitskraft – auch die der Hauptamtlichen: in den Kindergruppen (in denen mehr als die Hälfte mit Zustimmung der Verantwortlichen der Moschee muslimische Kinder sind), in der Asylbewerberbetreuung (durch das Angebot der Kleiderkammer und parallel laufender Beratung und Betreuung). Die APO sorgt durch diesen wichtigen Zweig ihrer Arbeit im sozialen Umfeld des Tackenberges mit dafür, dass ein friedliches und tolerantes Miteinander der unterschiedlichen Kulturen und Nationalitäten möglich wird.
Die Arbeit der Kleiderkammer fing ganz bescheiden an:
Wir stellten fest, dass viele Kinder, die zu unseren Kindertreffs kamen, im Winter keine entsprechende Kleidung trugen und oft hungrig waren. So haben wir in den Kreisen der Gemeinde um Kleidungsstücke nachgefragt und einen Bäcker gebeten, uns Teilchen, die er auf dem Markt nicht verkauft hatte, zu schenken. Dann kamen Kinder und fragten, ob wir nicht auch für ihre Eltern was anzuziehen hätten. So wurde diese Aktion ausgeweitet und ganz allmählich entstand die Kleiderkammer. Weil auch viele AsylbewerberInnen kamen, mussten wir uns überlegen, wie wir ihnen über die Vergabe von Kleidungsstücken hinaus helfen könnten. So entstand mit der Zeit eine intensive Asylbewerberarbeit. Ich sage das gerne so: Gott wirft uns Aufgaben vor die Füße und wartet darauf, dass wir reagieren.
Inzwischen ist aus dieser Kleiderkammer-Arbeit insbesondere durch das Engagement unserer Sozialarbeiterin mit ihrem Team ein eminent wichtiger Zweig unserer Gemeindearbeit geworden. Die Mitarbeitenden haben sich ein Leitbild für ihre Arbeit gegeben. (siehe Anlage 1).
3. Das Besondere an uns: Unser Profil
Seit jeher war die APO eine missionarische Gemeinde und hatte besonders in meiner ersten Zeit als Pfarrer der APO ihren Schwerpunkt in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und seit jeher haben wir versucht, den Menschen der APO die Gute Nachricht so nahe zu bringen, dass sie die Relevanz des christlichen Glaubens für ihre jeweilige Situation erkennen und erleben konnten. Als in der Jugendarbeit die TEN SING Bewegung aus dem CVJM Norwegen nach Deutschland kam, gehörten wir zu den ersten, die eine TEN SING Gruppe auf dem Tackenberg gründeten.
Nach meiner Rückkehr vom Weigle-Haus in Essen zum Tackenberg wollten wir die Gemeindearbeit um einen weiteren Schwerpunkt ergänzen: Wir entdeckten als Zielgruppe kirchendistanzierte Erwachsene.
Nun geschah etwas für uns sehr Bahnbrechendes:
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| Außerdem wurde die Liturgie im 10-Uhr-Gottesdienst: Wir haben nur noch einmal im Monat die Orgel, sonst ein E-Piano, und wir halten uns zwar vom Ablauf her an die agendarischen Vorgaben, suchen aber für die Responsorien andere Melodien, die auf einem Liturgiezettel abgedruckt sind, der alle 6-8 Wochen wechselt. (Normaler Gottesdienstbesuch ca. 250 Menschen; dazu ca. 40-50 Kinder im Kindergottesdienst). |
Wichtige Zusatzinformation:
Im SpotLight wird zum jährlichen „Glaubensseminar „Lichtspur“ eingeladen. Dieses Seminar erstreckt sich über 8 Wochen mit 8 Einheiten und einer Wochenendfreizeit mit 3 Einheiten plus dem Abschlussgottesdienst.
Danach gibt es noch an 4 Abenden die „Lichtspur-Nachlese“ und es wird in bestehende oder neu zu gründende Hauskreise (Kleingruppen) eingeladen. Auf diese Weise kommen tatsächlich viele ehemals Kirchendistanzierte in die APO. Inzwischen haben wir 10 Lichtspur-Kleingruppen, wo der entstandene Glaube vertieft und weitergeführt und Gemeinschaft erlebt werden kann wird; dadurch werden ca. 120 Menschen erreicht.
Einmal im Jahr begehen wir den APO-Hauskreistag, zu dem ca. 150 Menschen kommen. Davon waren vor einigen Jahren 60-70 Leute noch nicht in der APO und hatten größten Teils keinen Bezug zum Glauben.
Auch im Jugend- und Junge-Erwachsenen-Bereich gibt es solche Hauskreise.
Die Tätigkeitsfelder der APO wurden in Bereiche eingeteilt, die jeweils eine / n Bereichsleiter/in wählen und zum monatlichen Bereichsleitertreffen delegieren. Hier wird über wesentliche inhaltliche und strukturelle Akzente der Arbeit nachgedacht und diskutiert. Hier laufen die Informationen aus den Bereichen zusammen und hier werden Impulse für die Arbeit in den Bereichen gegeben. Außerdem werden hier Vorschläge für die Presbyteriumssitzungen erarbeitet.
Nachdem sich in den letzten Jahren alles eingespielt hat, ist es wichtig, dass wir die Dinge nun nicht einfach laufen lassen, in der trügerischen Annahme, wir hätten jetzt den Stein der Weisen gefunden. Es gilt, die weitere Entwicklung kritisch zu beobachten und für Qualitätskontrolle zu sorgen. Wir müssen fragen, ob wir mit den Strukturen und Aktivitäten, die wir haben, unsere Ziele und Werte tatsächlich erreichen. Dazu tragen Reflexionen an Klausurtagen von Presbyterium und Bereichsleitermeeting bei wie auch thematische Abende zu unserem „Ziele-und-Werte-Papier“ im Mitarbeiterplenum, das sich einmal im Monat trifft.
Hier geht es um Fragen wie:
- Wo haben wir Fortschritte gemacht?
- Wo klemmt es?
- Was ist inzwischen überholt und muss verändert / ergänzt /
aufgegeben werden?
- Was wollen wir uns konkret fürs nächste Jahr vornehmen (Ziele …)
Schwieriger ist eine weitere Dimension der Qualitätskontrolle. Es geht um die Frage, ob die Aktivitäten, die die APO auf Grund ihres Leitbildes hat, auch wirklich Ausdruck der inneren „Herzenshaltung“ der Mitarbeitenden sind. Das ist ja nicht leicht auszumachen, dennoch muss das Problem immer wieder bewusst gemacht werden. Letztlich steht hier die Glaubwürdigkeit der APO auf dem Spiel: Bekomme ich im Laden auch das, was im Schaufenster ausgestellt wird? Zurzeit wird deswegen in einer Predigtreihe und in den einzelnen Kreisen der Gemeinde unser Leitmotto „Komm nach Hause“ thematisiert
4. Unsere Zukunft
Wir denken, dass wir mit diesen besonderen missionarisch-diakonischen Aktivitäten einen stellvertretenden Dienst für die Kirche in Oberhausen und darüber hinaus tun. Trotz des Gemeindegliederschwundes, was die offizielle Zugehörigkeit zur Parochie der APO betrifft, sind wir eine „expandierende“ Gemeinde, und somit überlebens- und zukunftsfähig, sogar was die Finanzen betrifft.
So haben wir für unsere Gemeinde gern den Begriff „Profilgemeinde“ aus dem Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ übernommen.
Und es hat uns gefreut, im Bericht des Superintendenten auf der letzten Kreissynode zu lesen:
„Die Apostelkirchengemeinde, die sich als missionarisch-diakonische Profilgemeinde etabliert hat, ist offen für Zusammenarbeit an bestimmten Punkten. Eine engere Verbindung mit einer Nachbargemeinde mit finanziellen und strukturellen Auswirkungen scheint auf Sicht nicht sachdienlich zu sein.“
Wir sind natürlich gespannt, ob die kirchenleitenden Instanzen dies auch so sehen und dies berücksichtigen bei der anstehenden Frage nach der Neubesetzung der Pfarrstelle in 3 Jahren oder ob man dann in arithmetisch-technokratischer Weise vorgeht. Der Punktekatalog zur Besetzung von Pfarrstellen wird uns in keinster Weise gerecht.
Ein Satz zum Schluss:
Bei allen strukturellen Überlegungen und Diskussionen auf Kirchenkreisebene möchten wir nicht nur auf die Dimension des Machbaren schauen nach der Devise: Welche Fusion und Neu-Organisation von Gemeinden erhält den Apparat der Kirche für ein paar weitere Jahre am Leben?
Ich möchte eine andere Dimension ins Spiel bringen, und dahin gehend präge ich die Überlegungen in der APO: Welche Vision mag Gott wohl haben für eine Gemeinde wie die APO – mit ihrem speziellen Profil, an dem speziellen Standort?
Die Zukunft der Kirche hängt nicht allein ab von arithmetischen Zahlenspielen und dem Verschieben von Gemeindegrenzen, sondern sehr stark davon, ob und wie Menschen sich mit ihrer Gemeinde identifizieren können. Dazu brauchen die Gemeinden aber ein spezifisches Profil.
Herbert Großarth
Anlage 2: Was wir wollen in der APO
Anlage 3: Gruppen und Kreise der APO
weitere Informationen im Web unter: www.apo-tackenberg.de